Berlins Bestien – Mit der U-Bahn durch Berlins Unterwelt
Erstmal ein Ticket kaufen und dann weitersehen. Es kostet 5,80 Euro und reicht für einen ganzen Tag.
„Fünfachtzisch AB“ wie mir der freundliche, ältere Herr am Schalter bescheinigt (Regeltarif der BVG für eine Tageskarte im Tarifbereich AB – 5,80 Euro).
So, jetzt noch schnell in die richtige U-Bahn und dann kanns weiter gehen. Geschafft, doch kaum in der U-Bahn einen Stehplatz ergattert, begann die aufregende Exkursion mit einem Schrei. Der Fahrer der U-Bahn riss seine Tür auf, sprang in den Fahrgastraum und prustet „Raus hier – aber zackisch!“.
- Keine Reaktion der derart Beschalten. -
Der U-Bahn-Fahrer, von aufsteigender Wut leicht rötlich gezeichnet, wiederholte seine Aufforderung in noch schönerem Tonfall. „Raus hab ick gesagt und zwar auf der Stelle. Ick hab Zeit!“ sprachs und setzte sich, unter noch fröhlichem Gelächter der teilhabenden Mitfahrerschaft, auf seinen Fahrersitz und schmollte demonstrativ. Fragende Gesichter und zuckende Schultern der Fahrgäste, brachten deren Unverständniss über die Situation zum Ausdruck. „Wat will der eigentlisch?“ – „Und wieso fährter jetzt nisch weiter?“ waren nur alzu berechtigte Fragen, die unter den Mitfahrenden aufkamen.
Ein junger, arabischstämmiger Gangstertyp mutmaßte über Probleme im Bett und eine ältere Dame vermutete hinter all dem eine Trennungsgeschichte, welche sich des mürrischen Fahrers bemächtigt haben könnte. Fünf Minuten gegenseitigen Anschweigens führten dann doch noch zur Abfahrt der U-Bahn und endete jedoch noch vorzeitig drei U-Bahnhöfe weiter, wegen angeblicher technischer Probleme.
Weiter ging es mit einer Ersatzbahn, welche wenige Minuten später in den Bahnhof rollte, nachdem der wütende Fahrer sein beschädigtes Gefährt, des Ortes verwiesen hatte. Schnell waren wieder die Abteile gefüllt und die Berliner ließen sich auch weiter nichts anmerken und vertieften sich dann wieder dem, welchem sie sich schon vorher gewidmet hatten: die meisten schauten etwas grimmig vor sich hin, andere fanden wieder einen Grund sich ein wenig zu erhitzen, etwa über ein sehr laut schreiendes Baby, welches seiner Mutter sehr viel aufsehen und mißmutiges Kopfschüteln der Umsitzenden einbrachte, andere informierten sich wiederum im sogenannten Berliner Fenster, welches die neuesten Nachrichten der BZ auf kleine Bildschirme in die U-Bahn transportiert.
Ich fand mich jedoch neben zwei sehr angeregt mit einander diskutierenden Mitzwanzigern wieder, und das was ich nun zu hören bekam, versetze mich noch mehr in Erstaunen, als das was ich mit dem so wütenden Fahrer erleben durfte.
Das Gespräch, welches die beiden führten, drehte sich um Berlins Unterwelt und sie bemerkten beide fröhlich lachend, dass es da so einiges gab, was den Berliner wohl sehr interessieren würde. So gab ich mich also unscheinbar und hörte gespannt zu, auch wenn ich nicht alles verstehen konnte. Aber einige Fragmente konnte ich mir merken, und diese waren höchst beunruhigend oder doch zumindest etwas erschreckend:
„Weist du noch neulich die Vorlesung vom Overdieck, als es um die Kühlwasserteiche und die Kanalisation ging?“ „Ach so, ja klar, die mit den Piranhas in der Berliner Unterwelt!“
„Schon eine krasse Vorstellung, dass es hier solche Biester im Wasser gibt und die es vielleicht sogar bis in den Wannsee geschafft haben.“
Und das alles von wohl studierenden Menschen gesprochen, die es wissen mussten. Und kein allgemeiner Aufschrei oder zumindest eine Blitzmeldung im Berliner Fenster der U-Bahn?
Mir wurde es etwas flau in der Magengegend und meine Gedanken sponnen Bilder von Piranha-Attacken auf arglos Badende im Berliner Umland, schreiende Mütter und weinende Kinder am Strand, bei durchsage der grausigen Nachricht: „Wir bitten alle Badenden das Gewässer ruhig und sortiert zu verlassen, da sich Piranhas in diesem See befinden“ und erschreckte Gesichter der Angler an der Spree, wenn statt eines stattlichen Zanders, doch nur dessen Überreste am Hacken hingen.
Aufgeschreckt wurde ich durch einen lauten Ruf nach den Fahrscheinen, welcher sich jedoch als kleiner Spass einer Gruppe von fröhlich betrunkenen Punks herausstellte.
Und als ich meinen Fahrschein wieder in meine Hosentasche schob, stellte ich fest, dass ich so vertieft in das Gespräch über die Bestien Berlins gewesen war, dass ich vergessen hatte, rechtzeitig umzusteigen.
Jetzt also schleunigst an der nächsten Station wieder raus und dann mit der nächsten Bahn drei Stationen zurück.
Wieder auf Kurs finde ich mich in einer, dem Berufsverkehr sei es geschuldet, sehr vollen Bahn wieder und mühe mich ab noch einen halbwegs sicheren Stehplatz zu finden. Leicht ist es nicht und so klammere ich mich ein wenig hilflos an die kleinen Haltegriffe und schaue mich mißmutig um. Was riecht hier nur so unattraktiv und woher kommt dieser Duft? Ich drehe mich um und erblicke neben mir einen Mann, welcher herzhaft und unverkrampft, zwischen all den anderen etwas strapaziert wirkenden Feierabendpendlern, seinen Döner verspeist.
Ihn scheint es nicht zu stören, aber einige der um ihn Stehenden, sehen das wohl etwas anders und rümpfen die Nasen und empören sich leise vor sich hin schnaufend.
Zum Glück ist das Ziel meines Ausflugs erreicht und ich winde mich durch die Menge und zurück ans Licht der Stadt, mit der Gewissheit, heute einige der bekannten und auch unbekannten Berliner Bestien gesehen und kennengelernt zu haben.
1 Antwort auf “„fünfachtzisch – AB“”